Hendrik Fabian Atzert Start-up-Experte Hendrik Fabian Atzert erklärt die Lean-Startup-Methode

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Angesichts immer dynamischer wachsender Märkte, rapider technologischer Fortschritte und kürzer werdender Produktlebenszyklen stehen Start-ups zunehmend in der Pflicht, Produkte schnell zur Marktreife zu entwickeln und ebenso schnell an sich verändernde Zielgruppenpräferenzen anzupassen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Lean-Startup-Methode, die innovativen Unternehmen mit schlanken iterativen Prozessen und einem starken Fokus auf Kundenfeedback zu mehr Wettbewerbsfähigkeit verhilft. In diesem Artikel erklärt Start-up-Experte Hendrik Fabian Atzert, wie sie funktioniert, welche Vorteile sie bietet und wie man am besten mit ihr arbeitet.
Hendrik Fabian Atzert über die geistigen Ursprünge der Lean-Startup-Methode

Begründer der Lean-Startup-Methode ist der amerikanische Gründer, Softwareentwickler und Tech-Unternehmer Eric Ries. Im Jahr 2011 veröffentlichte er sein Buch "The Lean Startup", in dem er das Konzept international bekannt machte. Zuvor hatte er es bereits in seinem Blog startuplessonslearned.com näher ausgeführt.

Die Kernidee besteht dabei darin, dass innovative Unternehmen schnell und kostengünstig prüfen können, ob ihre Produkte reif für den Markt sind. Davon leitet sich auch der Name des Konzepts ab: "lean" = schlank. Zurückzuführen ist das Konzept auf die Ideen der agilen Softwareentwicklung und die von Steve Blank entwickelte Customer-Development-Methode.

Agile Methoden zeichnen sich dadurch aus, dass Entwicklungsprozesse innerhalb sich wiederholender Iterationsschleifen ablaufen, in deren Verlauf das Produkt immer weiter verbessert wird. Beim Customer Development auf der anderen Seite präsentiert man seine Ideen potenziellen Zielgruppen und findet auf diese Art die idealen Kunden.

Hendrik Fabian Atzert erklärt die Lean-Startup-Methode

Das Grundprinzip der Lean-Startup-Methode ist einerseits simpel, andererseits sehr effizient. Zunächst gestaltet man ein Produkt und bringt es schnellstmöglich auf den Markt (MVP). Da es in der Regel noch nicht perfekt ist, geben die Kunden Feedback zu Schwächen und gewünschten alternativen Features, woraus man wiederum zu einem sehr frühen Zeitpunkt Rückschlüsse auf die weitere Entwicklung ziehen und das Produkt entsprechend anpassen kann.

Dies geschieht auf dem Wege iterativer Tests wichtiger Produktfaktoren wie dem Design, der Funktionalität, aber auch der Preisgestaltung und der Vertriebswege. Der dabei entstehende Build-Measure-Learn-Zyklus kann grob in drei Schritte unterteilt werden.

Build:

Im ersten Schritt wird ein Prototyp entwickelt. Dieser ist noch nicht perfekt und weist lediglich die Kernfunktionalitäten auf (MVP).

Measure:

Im zweiten Schritt macht man den Prototypen der Zielgruppe zugänglich und erhebt die entstehenden Daten. Dabei können zum Beispiel standardisierte Fragebögen verwendet werden.

Learn:

Im letzten Schritt geht es darum, aus den erhobenen Daten Rückschlüsse zu ziehen und auf dieser Grundlage Veränderungen am Produkt vorzunehmen, die wiederum der Zielgruppe vorgeführt werden. Anschließend beginnt der Zyklus von vorn.

Wichtig dabei ist, dass die einzelnen Schritte möglichst übersichtlich und kurz gehalten werden. Sind sie zu kompliziert, wird die Übernahme von Kundenfeedback zu umständlich, die Überarbeitung nimmt zu viel Zeit in Anspruch und die Kostenvorteile relativieren sich.

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Hendrik Fabian Atzert über die Bedeutung des MVP

Um das Wesen der Lean-Startup-Methode richtig zu verstehen, ist es wichtig, sich genau mit dem Begriff des MVP (Minimum Viable Product) auseinanderzusetzen. Grundsätzlich versteht man darunter ein unfertiges Produkt, das lediglich die zentralen Leistungsaspekte in sich vereint. Eigenschaften wie ein elegantes Design, Sonderausstattungen und Produktvarianten bleiben zunächst außen vor.

Das Ziel des MVP besteht nicht darin, perfekt zu sein und die Zielgruppe schon im ersten Schritt voll zufriedenzustellen. Vielmehr dient es dazu, Hypothesen über die Bedürfnisse der Zielgruppe zu testen. Damit dies gelingt, muss sich der Entwickler im Klaren darüber sein, was seiner Zielgruppe wirklich wichtig ist und welches Problem sie mit dem Produkt lösen will. Das setzt eine intensive Marktforschung voraus, wobei vor allem Kundeninterviews eine Rolle spielen.

Hinweis: Die Potenziale eines MVP stehen längst nicht nur innovativen Start-ups offen. Online-Händler und der stationäre Einzelhandel können von der schlanken Entwicklung neuer Konzepte profitieren.

Warum die Lean-Startup-Methode so wichtig ist

Die meisten Start-ups leiden unter chronischer Unterfinanzierung, weshalb es notwendig ist, die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen. Die Lean-Startup-Methode bietet eine Möglichkeit, ein tragfähiges Produkt zu entwickeln, ehe die finanziellen Mittel erschöpft sind.

Da Problemstellen frühzeitig eruiert werden, vermeidet man es, Ressourcen für Features zu verschwenden, die von der Zielgruppe ohnehin nicht gewünscht werden. Darüber hinaus werden Entwicklungszyklen durch die Methode stark verkürzt, wodurch sich zusätzlich Mittel einsparen lassen.

Um die Vorteile der Methode voll ausschöpfen zu können, ist es aber auch wichtig, die Ergebnisse durch die Erhebung belastbarer Zahlen validierbar zu machen. Man spricht hierbei auch von der Innovationsbilanz. Sie zeigt, ob sich die durchlaufenen Feedback-Schleifen wirklich lohnen oder ob Mittel ineffizient genutzt werden. Entsprechend wichtig sind Fristen und Meilensteine.
Kritische Aspekte der Lean-Startup-Methode

Beschäftigt man sich eingehender mit der Lean-Startup-Methode, stößt man früher oder später auf kritische Stimmen. So wird unter anderem angemerkt, dass es schwierig sei, Kunden zu finden, die unfertige Prototypen nutzen und dazu ihr Feedback abgeben wollen. Oft wird in diesem Zusammenhang auch moniert, dass die Kunden ein weit weniger stark ausgeprägtes Interesse daran hätten, derart zentral in die Produktentwicklung involviert zu werden als angenommen. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft negative Auswirkungen der Lean-Management-Prinzipien auf andere Unternehmensbereiche wie die Budget-Planung.

Diesen Einwänden entgegnete Eric Ries aber bereits im Jahr 2011, dass es sich bei der Lean-Startup-Methode um ein weit weniger starres System als beispielsweise beim Business Model Canvas handele und dass man die Methode ohnehin ständig hinterfragen und weiterentwickeln müsse. Dass dieser Ansatz vielversprechend ist, zeigen immer wieder erfolgreiche Unternehmen wie Dropbox und General Electrics, die intensiv mit dem Lean-Ansatz arbeiten. Zudem finden regelmäßig Events wie die Lean Startup Week statt, auf der neue Ansätze vorgestellt und diskutiert werden.

Es ist also davon auszugehen, dass das Prinzip Lean Startup in Zukunft weiter an Bedeutung zunehmen wird.

Die wichtigsten Tipps von Hendrik Fabian Atzert zur erfolgreichen Umsetzung der Lean-Startup-Methode

Wer erfolgreich mit der Lean-Startup-Methode arbeiten will, sollte sich vor allem eines klar machen: Ein großer Teil der vorab entwickelten Annahmen über Produkte und Zielgruppen wird sich im Laufe der permanent ablaufenden Feedback-Schleifen als unzutreffend erweisen. Deshalb liegt ein zentraler Fokus darauf, sich von unerwarteten Ergebnissen nicht entmutigen zu lassen, sondern sie als lohnende Chancen zu betrachten, das eigene Produkt zu verbessern.

In diesem Zusammenhang spielt vor allem die Kenntnis eines psychologischen Phänomens namens Sunk-Cost- beziehungsweise Ausgabeneffekt eine Rolle. Es bewirkt, dass man umso weniger geneigt ist, von einer eigenen Idee abzulassen, je mehr Mühe man bereits darin investiert hat. Gerade dieses Verhalten ist im Rahmen der Lean-Startup-Methode aber fatal. Schließlich lebt sie gerade davon, sich regelmäßig zu hinterfragen. Deshalb sollte man auch bei fortgeschrittenem Projektstand nicht zögern, seine Annahmen kritisch zu prüfen.

Über Hendrik Fabian Atzert

Hendrik Fabian Atzert ist Experte für die Kombination von Online- und Offline-Einzelhandel. Er hat mit der Hamster Systems AG eine digitale Plattform entwickelt, die es stationären Händlern in der Nach-Corona-Zeit ermöglicht, sich gegen rein digitale Vertriebsformen zu behaupten und ihre Umsätze ohne Risiken und komplizierte Prozesse zu steigern. Er sieht in diesem Lösungsansatz eine wichtige Initiative zur Belebung der Innenstädte.