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Mitarbeiter Auszeichnung Arzt Praxis Award Nur eine Arzt-Praxis, die ihre Mitarbeiter schätzt, hat eine Auszeichnung verdient!

Wie in vielen anderen Branchen, so beklagen auch Arztpraxen mehr denn je den Mangel an Fachkräften. Neue Mitarbeiter zu finden und aktuelle zu halten, stellt für den Arzt als Praxisinhaber derzeit eine der größten Herausforderungen dar. "Götter in Weiß werden zukünftig sehr einsam in ihren Praxen sein", prognostiziert Dr. Frank Tolsdorf. Der kaufmännische Leiter der Universitätszahnklinik Witten/Herdecke fordert ein fundamentales Umdenken. Eine Praxis müsse sich als ein Unternehmen begreifen und sich entsprechend als vorbildlicher Arbeitgeber für ihre (potenziell neuen) Mitarbeiter darstellen. "Mitarbeiterentwicklung" war auch das Schwerpunktthema bei der diesjährigen Verleihung der Praxis+Awards 2018. Mit diesen Sonderauszeichnungen werden in Hamburg jährlich besonders vorbildliche Arztpraxen von einer Expertenjury für ihre Service-Qualität und Praxiskultur ausgezeichnet. Ein Interview mit Dr. Tolsdorf nach seinem Impulsvortrag bei dieser Veranstaltung.

Medizin

Herr Dr. Tolsdorf, sind Arztpraxen als interessanter Arbeitgeber gut aufgestellt?

Dr. Tolsdorf: Ja und nein. Viele Praxisinhaber pflegen ein professionell herzliches Verhältnis zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das sind dann auch sehr gute Arbeitsbedingungen. Sofern der Inhaber die Mitarbeiter allerdings nicht als wertvoll betrachtet, kann auch eine kleine Arztpraxis sehr schnell zu einem Ort werden, an dem sich niemand wirklich wohlfühlen kann.

Grundsätzlich ist es für kleine Unternehmen - und die meisten Praxen sind das - schwieriger, interessante Arbeitsbedingungen im Sinne von Arbeitszeiten, Flexibilität und lebenslanger Karriereplanung anzubieten. Das ist ein erheblicher Nachteil.

Was raten Sie Praxisinhabern?

Dr. Tolsdorf: Nun ja, der Reflex, sich als Praxisinhaber selbst als die tragende Säule des Unternehmens zu betrachten, ist nachzuvollziehen. Er hat die Praxis gegründet, viel Geld investiert und die Mitarbeiter eingestellt. Allerdings ist es nicht ratsam, seine Person vollständig in den Mittelpunkt zu stellen, denn ohne Mitarbeiter funktioniert es nicht. Das sollte jedem Praxisinhaber klar sein und er sollte das auch gegenüber seinen Mitarbeitern ausstrahlen. Ist das nicht der Fall, sprechen wir schnell von den "Göttern in Weiß", die zukünftig sehr einsam in ihren Praxen sein werden.

Vergütung, Flexibilität, Perspektive - die Säulen einer Arbeitgebermarke für Mitarbeiter

Was sind die Kernpunkte in einer Praxis, für potenzielle, aber auch für aktuelle Mitarbeiter interessant zu sein?

Dr. Tolsdorf: Das ist einfach zu benennen: Vergütung, Flexibilität, Perspektive.

Als erstes muss die Vergütung steigen. Inklusive der Überstunden liegen wir häufig unter dem Mindestlohn. Ambulante Pflegedienste und Supermärkte zahlen oft mehr - hier muss dringend etwas passieren.

Der Arbeitsgeber muss zusätzlich das Leben der Mitarbeiter mitdenken. 50 Prozent der Ehen werden geschieden und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Mitarbeiterinnen alleinerziehend sind. Neben den Finanzen müssen in einer modernen Praxis also auch die Arbeitszeitmodelle zu den Bedürfnissen der Mitarbeiter passen.

Und last but not least die Perspektive: Ich gehe sehr gerne in Praxen und schaue mir das Personal an. Spannend wird es, wenn das Durchschnittsalter zwischen 20 und 30 Jahren liegt. Wo sind denn die älteren Kolleginnen? Kurz: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen suchen Anstellungen bis zur Rente - ein Altersdurschnitt von 25 zeigt jeder neuen Kollegin: "Wenn Du zu alt bist, fliegst du hier eh raus!" So kann keine gute Bindung entstehen.

"Götter in Weiß werden zukünftig sehr einsam in ihren Praxen sein!" (Dr. Frank Tolsdorf)

Was wären Tipps von Ihnen, wie sich eine Praxis als guter Arbeitgeber darstellen kann?

Dr. Tolsdorf: Wenn Mitarbeiter zu Botschaftern des eigenen Unternehmens werden und auch bereit sind, Statements in sozialen Medien abzugeben - das hat sicher die höchste Glaubwürdigkeit.

Kennzahlen offensiv zu kommunizieren, finde ich persönlich auch extrem glaubhaft. Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit zum Beispiel - oder andere Zahlen, über die sich zeigen lässt: Die Mitarbeiter sind gerne hier.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Praxis+Award Qualitätssiegel, das eine Praxis in ihrer Gesamtheit und dabei auch eine vorbildliche Mitarbeiterentwicklung bewertet?

Dr. Tolsdorf: Siegel können natürlich helfen - sofern sie glaubhaft sind. Das heißt: Die Prüfkriterien müssen wirklich das Wohl der Mitarbeiter im Blick haben und dies überprüfen. Und: Die potenziellen Mitarbeiter müssen natürlich wissen, dass das auch so ist. Diese Herausforderung haben die Anbieter von Gütesiegeln zu lösen. Eine spannende Aufgabe.

Es ist absolut der richtige Weg, eine Praxis in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Oft findet eine Verkürzung der Bewertung auf technische Ausstattung, Titel oder Bewertungen von Patienten statt. Wenn sich ein Unternehmen aber entwickeln will, müssen alle relevanten "Produktionsfaktoren" betrachtet werden. Alle zukunftsfähigen Nachhaltigkeitsstandards gehen genau in diese Richtung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Frank Tolsdorf - Kaufmännischer Leiter Universitätszahnklinik Witten/Herdecke

Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre und dem Abschluss als Diplom-Kaufmann wechselte Frank Tolsdorf als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Reinhard-Mohn-Stiftungslehrstuhl für Unternehmensführung. Nach fünf Jahren Tätigkeit am Lehrstuhl wurde er Referent des Präsidenten und anschließend Head auf Operations an der Universität Witten/Herdecke. Seit nun fast neun Jahren ist er kaufmännischer Leiter der Universitätszahnklinik - eine Einrichtung mit 120 Mitarbeitern. Zusätzlich begleitete er vor zwei Jahren die Gründung der neuen Ambulanz für Psychologie und Psychotherapie.

Award-Event

Einmal im Jahr vergibt eine Experten-Jury unter allen Trägern des Praxis+Award Qualitätssiegels Sonderpreise in verschiedenen Kategorien. Dabei ist die Verleihung der Branchen-Oscars in Verbindung mit dem Ehrentitel "Ambassador of Excellence" Höhepunkt eines Fachsymposiums, bei dem es auch um den fachübergreifenden Austausch zu Kommunikationsthemen unter Kolleginnen und Kollegen geht.

 
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